Exponat 002 – Zündholzmuseum Grafenwiesen

"Welthölzer" und "Haushaltsware"

Aus der ehemaligen Zündholzfabrik ALLEMANN, Grafenwiesen, 2. Hälfte 20. Jahrhundert

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Exponatbeschreibung 002: Streichhölzer


"Welthölzer" waren in Deutschland in der Zeit zwischen 1930 und 1983 d i e Streichholzschachteln schlechthin. Alle kannten sie, alle benutzten sie, jede Zündholzfabrik produzierte sie. In der blauen Schachtel mit dem markanten Design befanden sich 40 Zündhölzer. Auf der Schachtel war links oben die "Beteiligungsziffer" aufgedruckt. Die Nummer 295 wies darauf hin, dass diese Streichholzschachtel bei der Firma ALLEMANN in Grafenwiesen im Bayerischen Wald hergestellt worden war."Haushaltsware" beinhaltete 50 Streichhölzer je Schachtel. Hier wies die Ziffer 305 auf den Hersteller Allemann Grafenwiesen hin. Der Hauptrohstoff für Zündhölzer war elastisches, saugfähiges Pappelholz. Es wurde aus den niederbayerischen Isar- und Donauauen, später aus der Rheingegend, in den Bayerischen Wald transportiert.




Holziges Umweltstatement


Seit jeher nutzten die Menschen Naturmaterialien für das Entfachen von Feuer. Im 19. Jahrhundert trat das Zündholz als wichtige Errungenschaft des Industriezeitalters seinen Siegeszug an und fand sich bald als Alltagsartikel in nahezu jedem Haushalt. Doch die seit den 1970er Jahren massenhaft hergestellten Wegwerf-Feuerzeuge aus Kunststoff brachten die Herstellung und den Gebrauch der kleinen Hölzchen in Holzspan- und Pappschachteln allmählich zum Erliegen. Viele Menschen haben heute kaum mehr einen Bezug zu diesem Gebrauchsartikel. Zündhölzer werden meist nur noch zu besonderen Anlässen benutzt, so etwa zum stilvollen Entfachen des Kaminfeuers. Schade, denn Holz ist, anders als Plastik, ein nachwachsender Rohstoff der leicht in den Umweltkreislauf zurückgeführt werden kann. Das Zündholzmuseum Grafenwiesen macht gerne auf eine von vielen Möglichkeiten eines nachhaltigen, umweltbewussten Alltagsverhaltens aufmerksam.




Über uns


Seit 2007 erinnert die Gemeinde Grafenwiesen im Zündholzmuseum an das einst florierende Gewerbe in der waldreichen Mittelgebirgsregion am Weißen Regen. Es wird über die Geschichte dieses Teils der Holzverarbeitung informiert und der Weg vom Kleingewerbe zur Industrie nachgezeichnet. Ein Kurzfilm stellt die historische Verknüpfung zum benachbarten Böhmen her. Zündholzbehältnisse für Wand, Tisch oder Tasche in vielfältigen Formen und Materialien sind im kleinen Museum ebenso zu sehen wie kreative Bastelarbeiten aus Zündhölzern. Wechselnde Präsentationen bieten Einblicke in die bunte Welt der "kleinsten Werbeplakate", der Zündholzetiketten. Der Betrieb des Museums wird unterstützt durch ehrenamtlich aktive Museumsfreunde. Das Kulturreferat des Landkreises Cham begleitet das Museum fachlich im Rahmen des "Chamer Modells" zur Betreuung kommunaler Museen im Landkreis Cham. Zündholzmuseum Grafenwiesen, Schönbuchener Str. 31, Grafenwiesen 93497, www.deutsches-zuendholzmuseum.de




Mehr Wissen …


Das Zündholz gilt als technologische Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Im Alltag fand es schnell Verbreitung. Die kleinen Hölzchen wurden auch in Mittelgebirgen wie dem Bayerischen Wald hergestellt. Im Gebiet des heutigen Landkreises Cham sind schon ab 1850 Zündholzproduzenten nachgewiesen: in Arnschwang, Blaibach, Furth im Wald oder Kötzting etwa. In Lam war der Zündholzfabrikant Johann Wahl einer der Initiatoren zum Bau der Bahnlinie Kötzting-Lam. Der Anschluss des Lamer Winkels an die Eisenbahn 1892/1893 ermöglichte einen schnelleren Abtransport von Waren aus Holz und Glas aus dem entlegenen holzreichen Gebiet. Der Messerschmied Johann Ellmann in Grafenwiesen war ein weiterer regionaler Kleinproduzent. Er betrieb ab 1878 neben seinem Sägewerk am Weißen Regen eine Zündholztunke und lieferte an die Zündholzfabrik in Lam Halbfertigprodukte. Wie viele andere kleingewerbliche oder hausindustrielle Hersteller konnte er aber die Umstellung auf eine rationellere industrielle Fertigung finanziell und technologisch nicht schultern. Der Landshuter Unternehmer Johann Hubloher erwarb 1908 die Zündholztunke am Weißen Regen und baute sie zur Fabrik aus. Um 1925 beschäftigte er schon etwa 90 Arbeiterinnen und Arbeiter. Hubloher produzierte „Sicherheitszündhölzer“, die sich nicht mehr wie die Vorgängerprodukte „Überallzünder“ an jeder Reibfläche entzünden ließen, sondern nur noch an speziellen Anstrichflächen auf der Zündholzschachtel. Als in Folge der Weltwirtschaftskrise und hoher steuerlicher Belastungen Hubloher die Grafenwiesener Zündholzfabrik aufgeben musste, erwarb der österreichische Unternehmer Robert Czerweny von Arland die Anlage am Weißen Regen. Er entstammte einer erfolgreichen Familie von Ingenieuren des Maschinenbaus und baute die Zündholzfabrik am Weißen Regen in der Zeit des Nationalsozialismus zum „Musterbetrieb in der Ostmark“ auf. Gemäß dem Motto des Fabrikanten „Alle Mann ans Werk!“ hieß die Firma fortan „Allemann“. Das Deutsche Zündwarenmonopol, das in Deutschland von 1930 bis 1983 in Kraft war, sicherte Betrieben wie der Allemann AG einen kalkulierbaren Absatz. Spezielle Beteiligungsziffern am Deutschen Zündwarenmonopol garantierten der Zündholzfabrik feste Abnahmemengen durch die Deutsche Monopolgesellschaft. Die Hauptprodukte der Allemann AG waren „Welthölzer“ und „Haushaltsware“. Waggonweise verließen Zündhölzer die Bahnhaltestelle am Betriebsgelände. Ab 1949 kamen dazu auch Spankörbe als Verpackungen für die Lebensmittelindustrie, für Frischfisch, Obst oder Käse. In den Nordseehäfen Bremerhaven und Cuxhaven besaß das Unternehmen aus dem Bayerischen Wald eigene Auslieferungslager. In den 1950er und 60er Jahren war die Allemann AG der größte Arbeitgeber im damaligen Landkreis Kötzting. Das Unternehmen wurde zu dieser Zeit von einer Frau, Elfriede Engelhart, geführt. Der Industriebetrieb beschäftigte in den 1950er Jahren etwa 300 Personen. Zwei Drittel der Belegschaft waren Frauen. 1986 musste die Allemann AG als eine der letzten Zündwarenfabriken Deutschlands den Betrieb einstellen. Die Firma ist aber noch heute in der holzverarbeitenden Branche tätig.





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