Exponat 007 – Goethe-Museum Düsseldorf/Kippenberg Stiftung

Ginkgo biloba 

Johann Wolfgang von Goethe, 15. September 1815

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Exponatbeschreibung 007: Ginkgo biloba


Faksimile der eigenhändigen Reinschrift seines Gedichts: „Ginkgo biloba“ aus dem „Buch Suleika“ des „West-östlichen Divan“

Das wertvolle Autograph Goethes gilt als Höhepunkt der Gedichtsammlung des „West-östlichen Divan“. Diese erschien 1819 vor genau 200 Jahren. Die von Goethe eigenhändig aufgeklebten Ginkgo-Blätter symbolisieren die Grundaussage des Gedichts: die gleichzeitige Vereinigung und Trennung von Polaritäten,

von Orient und Okzident, von West und Ost, von zwei Liebenden.

Aus tiefer Zuneigung schenkte Johann Wolfgang von Goethe dieses Gedicht Marianne von Willemer. Sie übernahm in den „Divan“-Gedichten die Rolle der Suleika und antwortete Goethe mit eigenen Gedichten. Im „West-östlichen Divan“ tauchen die Gedichte Marianne-Suleikas wieder auf, ohne dass die Leser das dahinter verborgene Geheimnis erahnen konnten.

Datiert ist das „Gingko“-Gedicht auf den 15. September 1815. Für diesen Tag vermerkte der Freund Boisserée in sein Tagebuch: „Heiterer Abend; Goethe hatte der Wilmer ein Blatt des Gingko biloba als Sinnbild der Freundschaft geschickt aus der Stadt [gemeint ist Frankfurt]. Man weiß nicht, ob es eins, das sich in 2 teilt oder zwei, die sich in eins verbinden. So war der Inhalt des Verses.“

Die „Wilmer“ ist Marianne von Willemer. In diesen Septembertagen weilte Goethe nicht nur das letzte Mal in seiner Geburtsstadt, sondern auch der intensive Austausch über die Divan-Sammlung mit Marianne kommt an seinen Schlusspunkt. Es war die Zeit von Suleika und Hafis, den „Dichternamen“ von Marianne und Goethe. Für sie war der Rhein der Euphrat, jede Taube oder Lerche ein „Hudhud“, ein Wiedehopf, der Bote zwischen Salomon und der Königin von Saba.




Holziges Umweltstatement


"Über allen Gipfeln“ ist nicht einfach nur ein bekanntes Gedicht Goethes. Es ist das einzige Gedicht, das er direkt auf Holz schrieb, mit einem Bleistift. Die Holzgrundlage bildete die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau.

Wovon handelt es? Wir deuten es im Zusammenhang mit dieser Wanderausstellung als Mahnung, unsere Verbindung mit der Natur neu zu bestimmen. Mit Goethes Naturbetrachtung, seiner „zarten Empirie“ könnten wir einen Beitrag dazu leisten, damit die Natur nicht verstummt, sondern in ihrer Vielfalt erhalten bleibt:

Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Wir sehen uns – von Goethe angesprochen – als Teil des gesamten Naturgeschehens: vom Gestein der Gipfel, über das Pflanzen- (Wipfel) und Tierreich (Vögelein) bis hin zu uns Menschen (du).

Sich in die Naturvorgänge hineinzufühlen war immer die Maxime des Naturforschers Goethe: wenn es „dem Gedanken gelingt, […] gewahr zu werden, was die Natur in sich selbst als Gesetz und Regel trägt […]“ (Versuch einer Witterungslehre).

Was diese Sichtweise auf die Natur betrifft, fühlen wir uns dem naturforschenden Namensgeber unseres Museums verpflichtet.




Über uns


Das Goethe-Museum Düsseldorf ist eine der drei großen Goethe-Archiv- und Forschungsstätten und beherbergt die größte, etwa 50.000 Objekte umfassende Goethe-Privatsammlung der Welt. Zur Institution gehören das Museum, das Handschriftenarchiv, die Forschungsbibliothek, die Kunstsammlung und ein Veranstaltungszentrum.

Goethe-Museum Düsseldorf ist eine Kurzbezeichnung für die Goethe-Museum/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung. Die Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung ist 1953 von zwei Erbinnen von Professor Anton Kippenberg, dem früheren Verleger des Insel-Verlags, gegründet worden. Satzungsgemäße Voraussetzung und Grundlage der Stiftung ist ein Vertrag der Stiftung und der beiden Erbinnen mit der Stadt Düsseldorf vom 13. Februar 1953, der in Verbindung mit einem Nachtrags-Vertrag der Stiftung und dem Goethe-Museum den Standort „Schloss Jägerhof“ und die finanzielle Unterstützung durch die Stadt sichert. Das Museum ist am 30. Juni 1956 eröffnet worden.

Das kulturgeschichtliche Museum zeigt in der Dauerausstellung Goethe und seine Zeit Originalhandschriften, Bücher, Gemälde, Graphiken, Büsten und Kunsthandwerk in einem aus dem 18. Jahrhundert stammenden, architektonisch hervorragenden Gebäude: dem im Auftrag des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz erbauten Schloss Jägerhof.

Goethes Werk gehört zu den Spitzenleistungen deutscher Kultur und wirkt bis heute lebendig fort. Das hat eine aktuelle Meinungsumfrage noch im August 2015 bestätigt (YouGov; vgl. FAZ, 10.08.15 und „Rheinische Post“, 10.08.15: „So ticken die Deutschen“). Aufgabe und Ziel des Museums ist es, das Werk historisch zu erforschen und seine Rezeption bis in die Welt- und Gegenwartsliteratur zu dokumentieren. Museum und Archiv verstehen sich als modernes Wissenschafts- und Kommunikationszentrum, worin die Aufgaben des Sammelns, Erforschens und Vermittelns mit Blick auf die Gegenwart konzentriert werden. Ziel ist nicht die Verehrung einer Gipsbüste, sondern eine lebendig-kritische Annäherung an ein vielschichtiges Universalgenie.




Mehr Wissen …


Goethes eigenhändige Reinschrift des Gedichts „Ginkgo biloba“ aus dem „West-östlichen Divan“ erwarb das Goethe-Museum Düsseldorf im Jahr 1985. Das Blatt gehört seither zu den Glanzpunkten unserer hier gezeigten Sammlung von Anton Kippenberg. 2019 feiern wir 200 Jahre „West-östlicher Divan“. Seit 2001 ist die Reinschrift Goethes Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes.

Das lebende Fossil

Der Ginkgo-Baum gilt als lebendes Fossil. Nachweisbar schon in der Karbonzeit, hatte er seine weiteste Verbreitung in der Jurazeit (vor etwa 160 Millionen Jahren). Fossile Funde zeigen, dass der Ginkgo sich von Italien bis Grönland und Sibirien ausgebreitet hatte. Nachdem er sämtliche Eiszeiten überstanden hatte, findet man ihn in neuerer Zeit insbesondere in Ostasien und heute auch in unseren Breitengraden. Aufgrund seiner Robustheit wird der Ginkgo vermehrt als Straßenbaum genutzt.

Ist der Ginkgo nun ein Nadel- oder Laubbaum? Auffallend ist eine fächerförmige Blattform, die – in der Mitte tief eingeschnitten – ihre Nerven von der Basis des feinen Stieles nach oben bis zum Rande des Blattes strahlen lässt. Daher kommt die Bezeichnung „biloba“ – zweilappig.

Das Symbol der Freundschaft

Konnte Goethe ahnen, was für ein starkes Symbol er mit diesem Gedicht in die Literaturgeschichte einbrachte? Fest steht jedenfalls, dass ihn die Fächerform besonders faszinierte. Sie stellt eine Zweiheit dar, die dennoch vereint ist. Goethe dachte dabei an seine tiefe Freundschaft zu Marianne von Willemer. Sie lebten getrennt und waren durch ihr gemeinsames Dichten für den „West-östlichen Divan“ doch vereint.

West – Ost

Goethes umfangreichste Gedichtsammlung, der „West-östliche Divan“ wurde durch die Werke des persischen Autors Hafis inspiriert. Die von Goethe in einem Brief an Zelter (11. Mai 1820) genannten „zwei Welten“ der Divan-Gedichte können Orient und Okzident, Deutschland und Persien, Christentum und Islam, Jenseits und Diesseits oder auch Poesie und Wissenschaft sein. Getreu seiner Vorstellung einer „Weltliteratur“ strebte Goethe eine Verständigung zwischen diesen Welten an.





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