Exponat 067 – Flößerstraße e.V., Wolfratshausen u. int. Flößerstadt Wolfratshausen

Isar-Floßmodell  

Isarfloß (1:45) mit Flößern und Werkzeug (Flößerhack, Sappie, Werkzeugkiste), Fahrrädern für die Heimreise, Holzbeladung und Fahrgast  

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Exponatbeschreibung 067: Isar-Floßmodell


Wie seit Generationen bauen heute die Flößer im Tölzer Land ihre Flöße aus Fichtenholzstämmen in alter Technik. Das Werkzeug hierfür fertigen sie selbst in Handarbeit. 18 Stämme mit zirka 35 Zentimetern Durchmesser werden von Hand geschöpst und auf 18 Meter Länge zugeschnitten, vorne und hinten, am „Arsch und Zopf“, abgerundet. Um die Floßtafel zu stabilisieren, werden „Aufbundrochen“ quer aufgebunden und zirka 40 Drahtschlingen und 80 Eisenkeile eingeschlagen. Das leere Floß wiegt etwa 18 Tonnen.


Angekommen an ihrem Bestimmungsort wurden früher die Floßstämme und Waren verkauft. Heute werden die Flöße in München Thalkirchen zerlegt und auf LKW zurück nach Wolfratshausen transportiert. Die Stämme werden heute eine Saison lang genutzt und dann als Bauholz verkauft.




Holziges Umweltstatement


Die Transport-Flößerei war ein frühes Beispiel für Nachhaltigkeit: Das Floß war Ware und Transportmittel in einem. Doch sie endete mit der Erfindung von Eisenbahn und Automobil. Auch schonungsloses Abholzen erschwerte es, geeignetes Floßholz zu finden. Dann kam die Nutzung der Wasserkraft zur Energiegewinnung, wie das Walchenseekraftwerk (1924). Die geringen Restmengen, die der Netzbetreiber der Isar lassen musste, reichten nicht, um den Floßbetrieb wie davor ab Mittenwald zu starten. Dieser „Wasserentzug“ hatte auch Folgen für die Natur: Das Flussbett trocknete aus mit gravierenden Folgen für Flora und Fauna. Erst seit der Renaturierung der Isar ab dem Jahr 2000 bessert es sich wieder. Heute ist die Floßfahrt noch ab Wolfratshausen mit der Einmündung der Loisach in die Isar möglich. Es ist ein umweltschonendes Freizeitvergnügen: Zur Fortbewegung wird meist allein die Energie des Wassers genutzt – und die Muskelkraft der Flößer.




Über uns


Die Flößerei hat in Wolfratshausen über 800 Jahre Tradition. Im historischen Zentrum der „Internationalen Flößerstadt Wolfratshausen“ ist einiges zur Flößerei zu erleben!

Man kann morgens zusehen, wenn in der Floßsaison die Vergnügungs-Flöße an den drei Floßländen zusammengebaut werden. Beim Kastenmühlwehr befindet sich eine Floßgasse. Vier stattliche Denkmale stehen auf städtischen Plätzen – eines an der Alten Floßlände, von wo man einen herrlichen Blick auf die denkmalgeschützte Altstadt hat. In den Gassen kann man Floßmeisterhäuser mit ihren Lüftlmalereien bewundern oder ein Kapellchen mit dem Flößerheiligen Nepomuk.

Es gibt Vorträge oder Führungen zur Flößerei mit dem örtlichen Verein Flößerstraße. Flößerpfade für Erwachsene, Kinder und als Hörpfad mit vielen Stationen informieren Spaziergänger.

Das Heimatmuseum mit seiner Flößerei-Ausstellung (Neueröffnung Herbst 2022) und das Stadtarchiv freuen sich über einen Besuch. Alle drei Jahre findet auf der Loisach eine stimmungsvolle Floßwallfahrt statt.


Die Flößerei ist immaterielles Kulturerbe: Sie steht in der Bundesliste und die Passagierflößerei an Isar und Loisach im Bayerischen Landesverzeichnis.

Stadt Wolfratshausen, Abteilung Tourismus, 08171-214-206, www.tourismus.wolfratshausen.de; www.floesserstrasse.eu, info@floesserstrasse.eu.

Dieses Exponat ist durch den in Wolfratshausen ansässigen Verein Flößerstraße e.V. mit finanzieller Unterstützung der Stadt Wolfratshausen realisiert worden.




Mehr Wissen…


Das Floß ist das älteste Transportmittel

Als die Menschen sahen, wie entwurzelte Bäume im Wasser schwimmen und in der Strömung vorwärtstreiben, entstanden die ersten Flöße. Bald schon war das Floß Ware, Transportmittel und Handelsgewerbe in einem.

So bekam die Flößerei große wirtschaftliche Bedeutung. Auch in Wolfratshausen: Der Markt blühte auf, weil überall, wo Flößerei betrieben wurde, förderte sie auch anderes Gewerbe. Sie ermöglichte es heimischen Betrieben, Absatzmärkte zu beliefern, die sie ohne Floßtransport kaum erreicht hätten. Denn Wege und Straßen an Land waren nicht nur schlecht, sondern wegen räuberischer Wegelagerer auch gefährlich.

Bedeutung durch zwei Flüsse: Isar und Loisach

Wolfratshausen kann auf eine über 1000-jährige Geschichte zurückblicken. Im Jahr 1280 wurde der Ort erstmals als Markt bezeichnet. Dadurch und durch die Flößerei, das Brauereigewerbe und die einst mächtige Burg (1734 zerstört) – Besitzer waren der Wolfratshauser Graf, dann die Andechser und letztendlich die Wittelsbacher - erhielt der Markt Bedeutung und Wohlstand.

Belegt ist, dass ab dem 12. Jahrhundert Flöße von Wolfratshausen aus in Richtung München ablegten. Bereits vor über 800 Jahren war der Ort ein zentraler Umschlagplatz für die Flöße, die von den Oberläufen von Loisach und Isar kamen. An der Isar war lange Zeit die erste Zollstelle auf bayerischem Boden.

An den Loisachländen kamen vor allem regionale Produkte an, wie Holz, Kalk, Gips, Kreide, Wetzsteine, Kohle, Möbel und Schlachtvieh. Sie waren bestimmt für den Markt und die herrschaftliche Burg, Orte im Umland oder zum Weitertransport auf der Isar. Auf der Isar wurden dazu – von Mittenwald kommend – Waren aus dem Süden, darunter Gewürze und edle Stoffe aus dem Orient und Weine aus Italien transportiert („Nasse Rott“). Ziele waren hauptsächlich die Städte an der Unteren Isar und der Donau.

Ein Zunftbrief verzeichnet 1440 die frühesten Rechte der Wolfratshauser Flößer. Den Höhepunkt erreichte das Handwerk 1864 mit 5.840 Flößen im Jahr.

Der Niedergang der Gütertransport-Flößerei in Wolfratshausen kam durch den Bau der Isartalbahn nach Wolfratshausen (1891), die Erfindung des Automobils und mit den Ableitungen des Isarwassers für das Walchensee-Kraftwerk (1924) und den Sylvenstein-Stausee (1954).

Aber um 1900 entwickelte sich ein neuer Unternehmenszweig: die Personenfloßfahrt mit Vergnügungscharakter. Und das ist bis heute so. Rund sechs Stunden dauert die 25 km lange Flussstrecke durch das schöne Isartal bis zur Zentrallände in München-Thalkirchen.

Auszüge aus dem Bericht des „Flößerkönigs von Weidach“ (Wolfratshauser Ortsteil), Sebastian Goldhofer (*1847; † 1941). Er war seit 1865 im Sommer bis zu 18 Mal nach Wien gefahren.

Oberhalb Vilshofen mussten die Flößer jeweils sechs Flöße zu einem einzigen zusammenbinden. Die Beladung war unterschiedlich: Weichholz, Kreide, Torf, Holzkohlen, Hopfenstangen, Seegras, Kalk, Gips, Wetzsteine von Großweil, aus Landshut Fischtran für Gerber, Kartoffeln bis Wien. „In jeder Stadt wurde etwas abgeladen und andere Waren wieder aufgeladen.“ Weiter ging es dann mit einem 12 Meter breiten und 57 Meter langen Gefährt, auf dem sich die Flößer sogar eigene Hütten bauten. Genug Lebensmittel und Bier hatten Sebastian Goldhofer und seine Kollegen für die neuntägige Fahrt immer dabei. „Nachts wurde auf Stroh geschlafen.“

Hindernisse auf der Reise waren Schiffe, Brücken und Sandbänke. „Lästig“ waren oft die vielen Handwerksburschen, „die ohne Geld und Pass mitfahren wollten“, so Sebastian Goldhofer in seinem Bericht. An der Grenze unterhalb von Passau ließ man die Mitfahrer dann aussteigen. Wenn ein Bursche jedoch ein „ehrliches Gesicht“ hatte, zog man ihm eine Flößerjoppe an, ließ ihn mitarbeiten „und er hieß dann bis Wien Jackl oder Toni“. Dort musste dann auch das riesige Floß wieder auseinandergenommen werden. „Bis zu 100 Meter Strick wurde dabei gebraucht.“

Eine Stunde vor Wien, am „kalten Berg“, wurde angelandet. Die Flöße wurden halbiert, weil so große Flöße nicht in den Kanal einfahren konnten. Am Abend kehrten die Flößer in Nussdorf beim Wirtshaus „König von Bayern“ ein. Während die Floßmeister mit ihren Waren an den folgenden Tagen lebhaft Handel trieben, brachten die Floßknechte ihre Schmuggelgüter an den Mann: „hinunter Schnupftabak, Zigarren, Juckpulver – herauf Wein, Feigenkaffee, Pferdedecken.“

Über den Heimweg erzählt Goldhofer: „Die Rückreise war nicht so schön. Man fuhr mit Schiffen, die von Pferden gezogen wurden, bis Passau, dann mit der Bahn nach München und von da ging man zu Fuß. Manche fuhren mit der Bahn über Salzburg, Rosenheim nach Holzkirchen und gingen von da aus heim. Die Bahnfahrt dauerte 17 Stunden. Mein Vater ging noch manchmal von Wien zu Fuß zurück. Er brauchte 9 bis 10 Tage. Meistens fuhr er auch nach Passau und ging von da nach Hause. In den 1880er Jahren hörten die Wiener Fahrten allmählich auf.“

„Mir haben die vielen Flussbäder nicht geschadet“, erzählt Sebastian Goldhofer und es stimmt: 94 Jahre war der Wolfratshauser alt geworden.

Quelle: Nach Erzählungen des Flößers Sebastian Goldhofer, (*1847; † 1941), Auszüge aus einem Typoskript von Josef Schnellrieder, 1929, Stadtarchiv Wolfratshausen.

Am Grabe dieses letzten „echten“ Flößers steht heute das alte Flößerlied „Der alte Flößer“ in den Stein gemeißelt:

Sechz’g jahr bin i g’fahrn
Auf’m gachn Fluss
Hob in dene Jahr’n
Wohl abkriagt manch’n Guss!

Hob I nur g’habt mei Stanga

Nachat war koa G’fahr

Hob mi allweil dafanga

In dene langa Jahr.

Wann’s mi außitragn

Zu meim’ letztn Stoa,

Dann solln’s Zithern schlagn

Und an Juchschroa toa!


Quelle: Heimatbuch Wolfratshausen, Marianne Balder, 2002.





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